Gardinenfetzen -warum wir Frauen nichts zum Anziehen haben

Ich bewege mich klamottentechnisch gerade im Niemandsland. Ich fühle mich zu alt für knappe Bauchfrei-Outfits von schwedischen Modeketten jedoch zu jung für knallige Hochwasser-Chinohosen aus dem Altweiberkatalog. Kurz gesagt: Ich kann jede Frau verstehen, die im Sommer nichts zum Anziehen findet.

Sommer mit 30 Grad plus im Büro: Irgendwann sind alle Versionen von business smart und casual durchgeschwitzt und der Wunsch nach einem leichten Sommeroutfit drängt sich auf. Jeder mit einem Arbeitsplatz ohne Klimaanlage weiß, wovon ich rede. Und jede Frau im Sommerkleid kennt dieses befreiende Gefühl, etwas „luftiges“ zu tragen. Leider kann das Ding mit dem Sommerkleidchen schnell nach hinten losgehen.
Einmal nach der Mittagspause den Bauch nicht eingezogen und schon gibt es Gratulationen zum Foodbaby. Ist halb so wild. Nervt aber trotzdem.
Sommermode ist auch echt erbarmungslos.
Entweder ist man zu alt oder zu jung, um etwas anzuziehen. Ich verstehe jede Frau, die im Sommer nichts zum Anziehen findet. Wer sich mit den bauchfreien knappen Outfits der schwedischen Modeketten nicht mehr wohl fühlt, muss entweder zu weiten Hochwasserhosen aus dem Altweiberkatalog zurück greifen oder sich auf eine frustrierende Suche einstellen:
Ich: „Ein Sommeroutfit, bitte.“
Modeindustrie: „Bitte, hier hast du Rüschen, Strik oder Gardinenmuster.“
Ich: „Nein! Etwas Praktisches“
Modeindustrie: „Schwarz!“
Ich: „Nein! Etwas Fröhliches.“
Modeindustrie: „Fröhliches Schwarz.“
Ich: „Nein, verdammt!“
Modeindustrie: „Hier, nach Chemikalien stinkende, schlüpferfarbene Kartoffelsäcke mit Gardinenmuster und Rüschen. Wir hassen Dich! Aber es sind die inneren Werte, die zählen. Personality matters!“
Nix mit Bodypositivity! Wenn die PO-sitivity nicht vernünftig verpackt wird, kommt sie nicht zur Geltung. Sorry der kam flach. Aber
wenn schlüpferfarbene Gardinen-Stofffetzen modisch sein sollen, dann ist Mode ziemlich öde. Wohl deswegen gucken die Models auf den Werbeanzeigen immer so niedergeschlagen. Mir würde der Spaß auch vergehen, wenn man mich in sowas hineinstecken würde.
Es kann nicht nur mir aufgefallen sein, wie fröhlich und heiter die Models in diesen Wäsche-Katalogen für das Klientel 50 plus aussehen. Da geht einem doch das Herz auf, wenn man sieht, wie eine Frau mit breitem schallenden Lachen für eine rote Dreiviertelhose wirbt.
Jaah, wat schön.
Nicht.
Die „peppigen“ Dreiviertel Hosen, die Mutti gutmütig aus dem Katalog mitbestellt hat, hängen am Bauch wie eine Clownshose oder kneifen derart unangenehm, dass man mir zum Lippenlesen nicht mehr ins Gesicht schauen muss.
Locker sitzende, knallige dreiviertel Hosen? Ich denke unweigerlich an orthopädische Sandalen, Kompressionsstrümpfe und freiliegende blasse Unterschenkel. Ein Anblick der sich einprägt, wenn man jenes Katalog-Klienteil durch deutsche Fußgängerzonen schlendern sieht.
Ich bin einfach zu jung dafür!
Google weiß auch nicht wirklich was mit mir anzufangen. Es bemüht sich, meine Social-Media-Kanäle mit personalisierter Werbung zu füllen. Seitdem werde ich verfolgt von Umstandsmode, Haremshosen mit bewusstseinserweiternden Muster und von multifunktional extreme outdoor survival Trekkinghosen. Diese multifunktionalen Outdoor Klamotten sind laut Anzeige wasserdicht stich- und feuerfest. Wow! Damit bin ich bei der nächsten Wandertour durch die Sächsische Schweiz auf alles vorbereitet. Inklusive Vulkanausbruch und Monsunregen. Da kann das Gardinenstoff-Kleid aus dem Schwedischen Modehaus nicht mithalten. Das überlebt nicht mal eine 40 Grad-Wäsche. Trotzdem ist das immernoch nicht das, was ich eigentlich wollte.
Am Arbeitsplatz muss ich mir etwas anderes überlegen.
Ist es denn wirklich so schwer, ein Outfit für den Alltag zu bekommen, ohne dass man damit aussieht, als hätte man mit sehr wenig Talent Oma’s Vorhänge umgenäht? Bei manch einem längsgestreiften Einteiler fühle ich mich gar an Häftlingskleidung erinnert. Ein super Zeichen an die Kollegen: Hier sitze ich, als Gefangene.
Vielleicht probiere ich es mal mit einem Jumpsuit? Die sollen ja saubequem sein und sogar den Blähbauch nach dem Essen gut kaschieren. Ein tolles Körpergefühl ist das Wichtigste. Da stört es mich auch nicht, wenn ich mich beim Gang zur Toilette einmal komplett aus diesem Teil heraus schälen muss. Kompromisse bleiben wohl nicht aus. Lieber sitze ich komplett nackt auf der Toilette als mit einem knappen Strickoutfit meinen Arbeitsplatz zu riskieren oder Kleider zu tragen, bei denen ich an Oma’s Gardinen erinnert werde. Wobei, sowas würde wahrscheinlich nicht mal Omi freiwillig anziehen wollen.
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