Sommer, Sonne, sehbehindert

 

Mein Fahrrad trägt mich vorbei an egoistisch geparkten Autos. In der Hoffnung auf einen Platz am Supermarkteingang quetschen sich Rentner in ihrem Baby-Boomer-Benz nach vorne durch. Was wären sie nur ohne ihre Autos? Manch einer keine Gefahr für die Allgemeinheit…

 

für Sandra

Es ist Samstagnachmittag. Die Sonne drückt auf den Planeten und schiebt schwüle heiße Luft durch die Fußgängerzonen in den Innenstädten. Die Geschäfte haben geöffnet, aber jeder, der halbwegs bei Verstand ist, meidet den vor Hitze flimmernden Asphalt. Der Ventilator unter meinem Tresen weht ein laues Lüftchen unter meinen Rock. Ja, ich sehe gerade aus wie die Marilyn Monroe des Einzelhandels. Es sind diese wenigen Tage im Jahr, an denen ich auf alle Konventionen am Arbeitsplatz pfeife und es einfach nur so wenig wie möglich schwitzend bis zum Feierabend durchziehen möchte. So ein zwei Stündchen Mittagsschlaf oder die Füße in einem Eimer voller eiskaltem Wasser, das wär’s jetzt. Nun ja, wir leben eben in einem Land, in dem das Pflichtbewusstsein erfunden wurde, also bleibe ich hier auf meinem Stühlchen sitzen, bis der Zeiger die letzte volle Stunde tickt. Und keine Minute früher. Danach räume ich auf und mache die Kasse. So wie jeden Tag. Seufz.

Aber was, wenn ich doch nur ein ganz klein wenig eher gehen würde? Nur einmal? Nur dieses eine Mal? Als ob es auf die letzten 10 Minuten noch ankommt. Da könnte ich…

Die Tür klingelt.

Im Laden steht ein Kunde. Mit einem großen Problem. Natürlich, der Klassiker. Ich arbeite als Augenoptikerin, was auch immer der Kunde da in seinem zerfledderten Etui mitgebracht hat, es ist nichts, was man binnen weniger Minuten beheben könnte. Ein komplizierter Fall. Wie soll es auch anders sein. Super eilig, ich verstehe. Keine andere Möglichkeit, das Wochenende zu überbrücken, war klar. Und natürlich: Bloß nicht zu teuer!

Sonst noch was?!!!

Ich kämpfe mit meiner Beherrschung.

Nicht, weil ich eine wochenendliebende, früh aufstehende und sehr lang arbeitende Person mit einem Privatleben bin, sondern weil ich in einem Gewissenskonflikt stecke. Irgendwie tut er mir ja leid, dieser arme Mensch, der nun hochgradig auf meine Hilfe angewiesen ist. Andererseits kann ich diesen Mangel an Einsicht und Voraussicht einfach nicht nachvollziehen. Wie kann es sein, dass ich mich für so etwas selbstverständliches wie Reparaturkosten und Zeitaufwand (und äh… Feierabend?) rechtfertigen muss? Wie kann es sein, dass in Deutschland erst der Vergleich mit Autos angebracht werden muss, um ein Verständnis dafür zu bekommen, was Dinge kosten und dass Aufwand und Nutzen im Verhältnis stehen sollten?

Wie auch immer, ich erspare euch hier die Details. Irgendwann, wesentlich später, habe auch ich den Schlüssel von außen umgedreht und fahre erst mal einkaufen. Schließlich ist Wochenende. Mein Fahrrad trägt mich vorbei an egoistisch geparkten Autos. In der Hoffnung auf einen Platz am Supermarkteingang quetschen sich Rentner in ihrem Baby-Boomer-Benz nach vorne durch. Pole-Position ist alles, wenn man schlecht gehen kann. Fraglich ist nur, wie diese müden alten Beine noch eine Gefahrenbremsung hinkriegen wollen. Aber vor allem: Was machen die überhaupt hier?! Lag es wirklich am Wetter, dass erst am Samstagabend Oma Hilde und Opa Heinz den Wochenendeinkauf erledigen können?

Ein entgegenkommendes Fahrzeug drängt mich ab. Ein Opi am Steuer zeigt mir wild gestikulierend sein Vorrecht auf den schmalen Weg an und fährt mit viel zu viel Gas im ersten Gang weiter. Besten Gruß an das Getriebe – du Arsch!

Was wären wir nur ohne unsere Autos? Manch einer keine Gefahr für die Allgemeinheit.

Ich wollte mich nicht aufregen. Karma regelt das schon. Mich würde nur mal interessieren, wie autofrei plötzlich unsere Innenstädte wären, wenn jeder, der einen verpflichtenden Wiederholungssehtest nicht besteht, seinen Führerschein abgeben müsste. Dann hätten wir so einige fahrlässige Unbelehrbare von der Straße. Und das ÖPNV-Netz müsste daraufhin zwangsläufig ausgeweitet werden. Vielleicht kommen dann auch wieder mehr Leute auf die Idee, dass das Sehen gar nicht so unwichtig ist und ich würde weniger Zeit damit verbringen, uralte Schrottbrillen zu reparieren, die mitnichten eine Fahrtauglichkeit gewährleisten, geschweige denn einen verschobenen Feierabend rechtfertigen.

Und vielleicht könnten die Fahrpläne dann auch so getimet werden, dass zu bestimmten Zeiten die Geschäfte, Arztpraxen oder Ämter rentnerfrei sind? Nur so als Vorschlag. Um der arbeitenden Bevölkerung auch mal die Chance zu geben, Dinge noch schnell neben der Arbeit zu erledigen. Oder ohne Gefahr für Leib und Leben Fahrrad zu fahren.

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