Ist das Garten – oder kann das weg?


Von einer Gewohnheit mit Zaun.

Zum Beginn der Gartensaison sieht mein Pachtgrundstück aus wie ein Endzeit-Szenario: tote Vegetation, soweit das Auge reicht, karger Boden – und eine aus Bauteilen zusammengezimmerte Hütte, die von Jahr zu Jahr mehr dem Verfall preisgegeben wird.

Müsste alles mal gemacht werden, denke ich immer wieder.

Ist allerdings auch ein riesiger Aufwand, lerne ich jedes Jahr aufs Neue.

Während manch Hobbygärtner um diese Jahreszeit bereits alles im Kopf durchgeplant hat und die Baumärkte mit Saatgut und Jungpflanzen verlässt, rede ich mir noch ein, dass ein Pachtgrundstück ohne Strom und fließend Wasser genauso viel Freude bereitet wie ein durchgestylter Garten direkt am Haus.

Tut es nicht.

Aber das ist nicht mein Problem.

Ich habe mich schon vor Jahren auf ein autarkes Konzept eingestellt und kann – ganz wie in einer dystopischen Zukunftsvision – dank Notstromaggregat und Muskelkraft so manches Wunder vollbringen.

Was mich jedoch wirklich herausfordert, sind die Relikte aus den „guten alten Zeiten“, in denen der Garten noch in den Händen einer Generation lag, für die Gärtnern mehr bedeutete als ein bisschen buddeln und Natur genießen.

Ich kämpfe mit Hinterlassenschaften aus vielen Jahren des „Noch-gebrauchen-Könnens“.

Jahre, in denen für die Gartenlaube so ziemlich alles aufgehoben wurde, was ursprünglich auf den Sperrmüll oder in den Baustoffcontainer gehört hätte.

Bloß nichts wegwerfen. Nicht einmal primär aus Sparsamkeit. Nicht aus konkretem Nutzen. Sondern aus der tief verankerten Annahme, dass Wegwerfen ein Risiko darstellte. Früher hatte man nichts – und obwohl selbst in Zeiten größter Not ein gebrochener Spatenstiel mit wenig Aufwand zu ersetzen gewesen wäre, konnte es nicht schaden, auch den kaputten einzulagern. Für alle Fälle. Sicher ist sicher. Kostet schließlich alles Geld.

Also wurde aufgehoben, umsortiert, gestapelt – und auch die zwanzigste Margarineschachtel ausgewaschen, um angesichts der schier unendlichen Sammlung rostiger Schrauben den Überblick zu behalten.

Was gut sortiert ist, ist ordentlich. Und was ordentlich ist, ist kein Müll. Punkt.

Nun könnte man meinen, dass bei solch einem besonnenen Umgang mit Ressourcen weitere Investitionen die absolute Ausnahme gewesen seien.

Weit gefehlt.

Denn die Widersprüchlichkeit dieser Generation kannte keine Grenzen.

Trotz aller Sparmentalität fanden sich neben zeitaufwendiger Unkrautbekämpfung und kreativer Nachnutzung von Bauschutt stets genügend Kapazitäten für Neuanschaffungen. 

Geräte, Dünger und praktische Gartenhelfer wurden gekauft – nicht, wenn sie gebraucht wurden, sondern weil sie im Angebot waren.

Währenddessen füllten sich leere Margarineschachteln und Keksdosen weiterhin mit allerlei Krimskrams.

Es könnte ja eine Knappheit drohen.

Und sie sollten Recht behalten.

Knappheit ist tatsächlich das größte Problem für Kleingärtner in der Lausitz.

Nur anders, als die Generation „Kauf auf Reserve“ glaubte.

Denn: Der Feind ist nicht der Mangel an Werkzeug oder Pflanzen.

Es sind die sandigen Böden. Die Hitze und der zunehmende Wassermangel in der Region.

Damals wie heute ist das Gelingen im Garten eng mit einer standortgerechten Nutzung verbunden. Heißt: Wenig wasserbedürftiges Obst und Gemüse, kein englischer Rasen – stattdessen verstärkt Bepflanzung, die mit sauren Böden zurechtkommt.

Man entschied sich jedoch, diesen Umständen lieber mit Chemie und schierer Anstrengung zu begegnen.

Pestizide und Kunstdünger galten als essenziell. Unkraut jäten bis zum Sonnenstich als obligatorisch.

Nach dem Motto: Wenn ich nur genug dafür tue, wird das schon.

Oder anders gesagt:

Machen um des Machens willen.

Ansonsten kann ich nicht nachvollziehen, warum jeder noch so kleine Anbau ein massives Betonfundament erhielt.

Geräteschuppen: Beton und Asbestplatten. Außendusche: Beton und Asbestplatten. Tomatenüberdachung: Na, ihr wisst schon.

Der Garten war kein Ort der Erholung. Er war eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. 

Das erklärt wohl auch den jahrzehntelangen Verzicht auf Mulch – oder auf bodendeckende Bepflanzung zur Eindämmung von Unkraut – sowie die stetige Ausweitung einer Beetgestaltung, die mehr Arbeit schafft, als sie eigentlich Nutzen bringt. 

Oder kann jemand ernsthaft von sich behaupten, am Ende des Sommers noch Zucchini sehen zu können?

Vielleicht ist genau das mein eigentlicher Aufreger: Nicht die endlose Unkrautbekämpfung, nicht die bröckelnden Fundamente, nicht einmal die vollgestopfte Laube. Sondern die Haltung, mit der man das Ganze angegangen ist.

Ein Garten muss Mittel zum Zweck sein. Er muss Erträge maximieren, Reste verwerten, einen Plan erfüllen. 

Nein! Muss er nicht!

Er darf atmen. Und im besten Fall lässt man ihn.

Ich werde die Betonreste nicht alle auf einmal entfernen können. Ich werde auch nicht jedes Beet umkrempeln. Aber ich werde Mulch ausbringen. Bodendecker pflanzen. Dem Boden zurückgeben, was man ihm jahrzehntelang abverlangt hat.

Vielleicht ist mein Konzept von Autarkie am Ende kein Notstromaggregat und keine Muskelkraft.

Sondern die schlichte Entscheidung, nicht mehr gegen diesen Ort zu arbeiten – sondern mit ihm <3

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert