Von Insta-Influencern und Kostenlos-Kunden

Ich muss eines klar stellen: Ich habe nichts gegen diese sogenannten „Influencer“, diese berühmten Blogger und YouTube-Sternchen. Im Gegenteil. Ich beneide sie zutiefst. Sie bekommen ständig etwas geschenkt. Jedoch ohne kreischende Teenie-Traube und ohne ein „Hallo ihr Liebäään!“ kann es schon mal passieren, dass so ein YouTube-Sternchen in einem Geschäft unerkannt bleibt. Von Insta-Influencern und Kostenlos-Kunden.

 

für Marvin und Schneewittchen

In Berlin ist der Sommer ausgebrochen. Innerhalb einer Woche verwandelte sich eine nasse spätwinterliche Beton-Tristesse in eine drückend heiße, von Pollen beschneite Til-Schweiger-Kulisse. Vollbesetzte Straßencafés, buntes Treiben am Spreeufer, Seifenblasen, die sich spielerisch über das beliebte Fernsehturm-Motiv legen. Postkartenidylle in einer 4-Millionen-Metropole. Hach Berlin, du bist so wunderbar!

Da heutzutage aber kaum noch jemand Postkarten schreibt, sollte man dafür eigentlich ein neues Wort erfinden. Wie wäre es mit: Instagram-Idylle. Motive, so perfekt, wie man sie sonst nur auf Instagram-Stories bestaunen kann. Man kennt das: Überfilterte Sonnenuntergänge, viel zu kurze, viel zu schwarze Jumpsuits an viel zu blassen Mitte-Girlies und eingeölte Beine am Wannsee, die wie appetitliche Würstchen aussehen. Boomerang-GIFs helfen, das Anstoßen mit der Holunderschorle im Holzmarkt 25 auch so richtig in Szene zu setzen. Und diejenigen, die es bei 30°C im Büro aushalten müssen, dürfen sich wackelige 15-Sekunden-Videos vom Badeschiff ansehen, um ja zu wissen, was sie da gerade verpassen.

Falls jemand nicht gemerkt hat, dass Sommer ist:

Der Temperatur-Sticker auf Instagram macht es deutlich.

 

Apropos Instagram!

 

Pünktlich zum Sommer startete eine bekannte Sonnenbrillenmarke eine groß angelegte Social-Media-Offensive. Über 250 Fame-Instagramer weltweit posteten Bilder, auf denen die neueste Kollektion ansprechend präsentiert wurde. Sowas nennt man dann Influencer-Marketing.

Und die großen „Influencer“ promoteten, bis die Spiegelreflex glühte. Gab ja schließlich was umsonst. Influencer mit dramatisch gesenktem Blick. Influencer beim Kaffee schlürfen. Influencer vor bunt besprühten Betonwänden. Hashtag SiehdirmeineneueSonnenbrillean. Hashtag Habenwollen. Hashtag Gehkaufen.

So geht Werbung heute. Vorbei sind die Zeiten, in denen Passanten in Fußgängerzonen zu hölzern vorgetragenen Lobliedern auf große Optikerketten genötigt wurden.

Total überzeugend.

Nicht!

 

Umsonst-Mentalität

 

Ich muss eines klar stellen: Ich habe nichts gegen diese sogenannten „Influencer“, diese berühmten Blogger und YouTube-Sternchen. Im Gegenteil. Ich beneide sie zutiefst. Von mir kann ich nicht behaupten, täglich vom Postboten mit Kostenlos-Produkten überhäuft zu werden. Für Kosmetik und Duschschaum muss ich schon selbst zum Drogeriemarkt watscheln.

Tja, that’s just how it is, wa?

Was mich stört: Manch ein Influencer nimmt diese Kostenlos-Mentalität irgendwann als selbstverständlich an. So vor Kurzem live miterlebt:

Ohne dass man genau erkannt hätte, welcher Möchtegern-Fame-Blogger da gerade aufgetaucht war, wusste man eines schon ganz genau: Diese Person hielt sich für wichtig.

Ohne kreischende Teenie-Traube und ohne ein „Hallo ihr Liebäään!“ kann es schon mal passieren, dass so ein Influencer, so ein YouTube-Sternchen unerkannt bleibt. Und dann passiert Folgendes:

Nichts!

Kein Kreischalarm, kein Däumchen nach oben, kein Selfie-Marathon aber vor allem:

Keine Geschenke.

Blöd.

Wenn dann alle Anspielungen ala „Ich pushe euch“ und „Meine Community“ nichts bringen, helfen nur noch Allüren, um ja standesgemäß behandelt zu werden: „Woanders kriege ich das geschenkt!“, „Was isn das hier für ein Laden?“

Leute, ehrlich, ich ziehe vor jedem „Dienstleistungs-Gesinde“ den Hut, genau dann das begehrte Produkt NICHT zu verschenken. Warum? Nicht jedes Produkt wird angemessen beworben, wenn es kurz mit einem „Ich liiieeebeee ääääääs!“ in die Kamera gehalten wird.

Isso.

 

Kostenlos-Kunden

 

Diese Kostenlos-Mentalität scheint in Berlin mittlerweile en vouge zu sein.

In einem beliebten Co-Working-Café am Rosenthaler Platz ärgert man sich schon länger über die mangelnde Konsumbereitschaft der Gäste. Die Leute, die Internet und Räumlichkeiten benutzen aber den ganzen Tag nur an einem einzigen Kaffee nuckeln. Oder sich direkt einen Döner mitbringen.

Leute, was isn da los?

Es sollte doch wohl jedem klar sein, dass allein vom Platz warm pupsen und Internet schnorren keine Ladenmiete bezahlt werden kann. Die Folge wäre ein weiteres charismatisches Berliner Kleinod, das schließen muss, um Handtaschen- und Schuhläden Platz zu machen. In denen dann alle was geschenkt kriegen wollen…weil sie irgendwie fame sind.

Dann wäre das allseits so beliebte Berliner Postkarten – pardon – Instagram-Idyll verloren und niemand könnte mehr Boomerang-Videos an seine Instagram-Community senden um allen Büro-Zombies im Umfeld zu zeigen, wo sie nach Feierabend vorbeischauen wollen.

Und Til Schweiger hätte keine vernünftigen Drehorte mehr.

Ich persönlich fände das sehr schade.

Hashtag Seidmalallenichtso.

 

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