Es gibt keinen Hey-Warte-Doch-Moment

 für Pocahontas und Schneewittchen*

und für Mama

 

 

…Liebesschnulzen. Es gibt viele Gründe sie NICHT zu mögen – selbst wenn man, so wie ich, der Gattung Frau angehört. Als ich letztens auf einem Filmeabend einer Freundin zu Besuch war, versuchte ich mir gerade mittels des x-ten Glases pink-prickelnden Fruchtseccos eine dieser Jennifer Aniston-Grausamkeiten schön zu trinken, als mir plötzlich klar wurde, was mich so an diesen Hollywoodkonserven stört:

Den Hey-Warte-Doch-Moment.

Beispiel gefällig?: SIE sieht IHN in einer Bar mit einer Anderen. Schock. Kurzer Blickkontakt. SIE wendet sich enttäuscht ab, verlässt fluchtartig die Szene. ER rennt ihr nach. Auf offener Straße im strömenden Regen (dramatische Musik) hält er sie auf und sagt die magischen drei Worte:

„Hey, warte doch!“

Er versucht sich noch reumütig zu erklären, aber es ist zu spät. SIE will nichts mehr von ihm wissen, sagt sinngemäß etwas wie: „Ich dachte, du wärst anders als die Anderen bla bla“ *heul* und verschwindet in einem prompt auf der Bildfläche anrauschenden Taxi (wo kommen immer diese Taxis her?).

Er, völlig durchnässt, blickt allein im Regen stehend den roten Rücklichtern nach.

Schwarzblende.

Tage- nein, wochenlang versucht ER um SIE zu kämpfen. Macht ihr nach irgend einem unrealistischen tragischen Zwischenfall ein herzerwärmendes Liebesgeständnis und sorgt für ein Happy End, wie es sich premenstruale Frauen beim Nutella- und Häagen-Dazs-Eis-Löffeln eben vorstellen. *schluchz*

*kotz!!!*

Es gibt nicht genug Fruchtsecco auf dieser Welt, um sowas ernsthaft emotional berührend zu finden!

Versteht mich nicht falsch, auch ich habe diese Tage, an denen ich mich voller Herzschmerz bei einer gehörigen Portion Kalorien und meiner persönlichen Spotify-Perioden-Playlist verkrieche.

*schluchz*

Im WhatsApp-Voicechat mit der Besten werden hunderte Totschlagargumente auswendig gelernt, die bei nächstbester Gelegenheit wie ein Flakfeuer auf den Herzensbrecher einprasseln werden. Der Missetäter wird nicht den Hauch einer Chance bekommen! Warum auch? Im Kopf ist der Dialog schon hunderte Male durchgeführt worden. Das Ende steht fest.

Man wird die Starke sein.

Glaubt man…

Blöd nur, wenn nach dem anfänglichen Dem-hab-ich’s-aber-gezeigt-Gefühl tatsächlich Funkstille eintritt. Und wie blöd ist das denn???

Und dann tritt auch kein passender Plot-Point ein, in den man von einem Auto angefahren, oder von Verrückten entführt wird, damit der tragische Liebesheld ein schlechtes Gewissen bekommt und uns nach dramatischer Rettungsaktion noch am Krankenhausbett eine tränenüberströmte Versöhnungsszene beschert.

…Mädels! Im Ernst! Das wird einfach nicht passieren!

 

Lass mich! Ich muss mich da jetzt reinsteigern!

 

Geschrei, Geheule und der ganz große Abgang. In aller Öffentlichkeit: Peinlich!

Uuuund Cut! Applaus Applaus!

Vorstellung: Regen und dramatische Musik.

Realität: Außer ein paar peinlich berührten Blicken wird es ABSOLUT NIEMANDEN interessieren, dass man gerade bockt. Bis die beste Freundin kommt und sich mit einem „Was’n los Süße?!“ neben einen setzt.

Nichts ist von romantisch verklärten Vorstellungen so weit entfernt, wie eine hysterische Szene! Nix Drama! Nix „Hey, warte doch!“. Anstatt einer Liebesszene mit Regen und Schwarzblende kommt es höchst wahrscheinlich zu einer lautstarken Auseinandersetzung, die meine premenstrual verspannten Artgenossinnen eher zu keifenden Waschweibern, als zu tragischen Hollywoodheldinnen macht.

 

Ich hatte mir das so schön vorgestellt

 

Wir Frauen neigen dazu, uns immer eine perfekte Version der zu erwartenden Geschehnisse zurechtzulegen und sind dann bitter enttäuscht, wenn nichts davon eintritt.

Man kann einen Konfliktdialog so lange man will unter der Dusche üben, man kann sich ein Skript zurecht legen, alle möglichen Versionen des Gesprächsverlaufs durchspielen, man wird schlussendlich immer wieder an das Happy End glauben wollen und dann ist man mitnichten in der Lage, die logischen Folgen zu verkraften:

Funkstille.

Bis man nachts um halb zwei betrunken vor der Tür des Angebeteten steht…oder irgendetwas anderes total peinliches macht, um vollends seine Würde zu verlieren.

„Cut! Cut! Kahaaat!!!“ Möchte man da am liebsten aus einer dunklen Zimmerecke rufen hören. Ein kleiner, wild fluchender Regisseur soll einem zur Hilfe eilen und dem Hauptprotagonisten die Hölle heiß machen, er solle sich gefälligst ans Drehbuch halten. An unser Drehbuch. So, wie wir uns das eben vorgestellt haben. Mit Regen und Taxi und Schwarzblende. Und Happy End.

Leider geht das nicht. Es gibt immer nur eine Chance, den Augenblick zu erleben. Nur einen Moment, in dem wir selbst entscheiden müssen, was passiert. Ohne Drehbuch. Ohne Regisseur. Ohne Garantie auf Happy End.

Wach auf, Prinzessin!

Machen wir uns nicht selbst unglücklich. Wir können nicht von den Menschen um uns herum erwarten, dass sie stets und ständig darum bemüht sind, unser Leben perfekt und erfüllt werden zu lassen.

Das ist unser Job!

Wir sollten unsere romantisch verklärten Vorstellungen dort lassen, wo wir sie hergenommen haben: In Schnulzenfilmen. Dort gehören sie hin! Dort haben sehr viele Leute sehr lange daran herumgebastelt, dass die richtigen Menschen im richtigen Moment mit der richtigen Beleuchtung und der richtigen Musik das Richtige sagen.

Das hat nichts mit uns zu tun!

Aus diesem Blickwinkel betrachtet, kann es also doch ganz lustig sein, eine Aniston-Schnulze zu gucken.

Man könnte zum Beispiel ein Trinkspiel daraus machen!

Dann müsste jedes Mal, wenn einer ,,Hey, warte doch“ sagt, eine Flasche Fruchtsecco geext werden. Wenn das mal nicht einen lustigen Abend verspricht!

 

 

*Pseudonym

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